Ohrakupunktur

Die Ohrakupunktur eröffnet zusätzlich zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) weitere Möglichkeiten der Therapie. Wesentlich ist dabei die Vorstellung, dass der Mensch aus drei Systemen besteht, nämlich Körper, Energetik und Seele. Während sich die konventionelle Medizin mit dem Körper, der sichtbar und messbar ist, auseinandersetzt, widmet sich die Ohrakupunktur und TCM dem Energiesystem des Menschen. Eine Kenntnis dieses Systems stellt also eine Ergänzung zur Schulmedizin und nicht, wie oft angenommen, einen Gegensatz dar. Die Seele, deren Existenz für die meisten Menschen unbestritten ist, obwohl sie sich nicht erfassen lässt, ist anderen Therapieformen zugänglich. Eine Erkrankung betrifft jedenfalls immer alle drei Bereiche des Menschen, wenn auch mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Bei allen körperlichen Beschwerden, für die im körperlichen Bereich keine Ursache gefunden werden kann(z. B. Myalgien, Migräne, essentielle Hypertonie, etc.) kann die Problematik v. a. im energetischen Bereich angenommen werden und somit ideal mit Verfahren wie der Ohrakupunktur therapiert werden.

Geschichtlicher Überblick

In der chinesischen Kultur reicht die erste schriftliche Erwähnung der Ohrakupunktur ins 1. Jahrhundert v. Chr. zurück. Im Huangdi Neijing, dem „Inneren  Klassiker des gelben Fürsten“, finden sich Hinweise auf Beziehungen zwischen der Ohrmuschel und einzelnen Körperregionen. Zur Zeit der Tang-Dynastie, 618–907 n. Chr., waren 20 vordere und hintere Ohrpunkte bekannt.

  • In Persien und Ägypten wurde Ohrakupunktur bereits vor 2.000 Jahren zur Linderung von Schmerzen und zur Empfängnisverhütung angewendet.
  • Im 4. Jahrhundert v. Chr. erkannte Hippokrates die Möglichkeit, über die Ohrmuschel zu therapieren. Er versuchte, Impotenz durch Aderlass am Ohr zu heilen.
  • Weitere Hinweise auf die Ohrakupunktur im europäischen Raum sind erst wieder im 17. Jahrhundert niedergelegt. Auf dem berühmten Gemälde „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch lassen sich Zusammenhänge der Ohrmuschel mit Körperregionen in der symbolischen Darstellung der Hölle erkennen.
  • Über Kauterisation am Ohr zur Ischialgiebehandlung berichtet 1637 Zacatus Lusitanus und über Kauterisation am Ohr bei Zahnschmerzen Valsalva 1717.
  • Im 19. Jahrhundert folgen einem Bericht über Ischiasbehandlung mittels Kauterisation durch Dr. Luciana aus Bastia (Frankreich) mehrere Veröffentlichungen über ähnliche Therapieerfolge anderer Ärzte. Gleichzeitig zeigen sich in Italien (Prof. Ignaz Colla, Parma) und Amerika (Dr. Rülker, Cincinnati) ähnliche Entwicklungen. Im Gegensatz zur Körperakupunktur wurde die Ohrakupunktur in China über die folgenden Jahrhunderte nicht weiterentwickelt. Erst durch die Veröffentlichungen des französischen Arztes Paul Nogier 1957 rückte die Ohrakupunktur wieder in das Interesse der Ärzte für Traditionelle Chinesische Medizin. Nogiers Erkenntnisse wurden sehr bald nach China gebracht und daraus entwickelte sich die chinesische Schule der Ohrakupunktur.

Französische Schule

Die Ohrakupunktur wird erst seit 1950 – zunächst durch Paul Nogier – systematisch erforscht. Ihm war bei einigen seiner arabischen Patienten eine Narbe an der Ohrmuschel aufgefallen. Bei diesen war wegen einer Lumbalgie oder Ischialgie eine Kauterisation im Bereich der Anthelix durchgeführt worden, was innerhalb von Minuten bis Stunden zum Nachlassen der Schmerzen geführt hatte. Nogier versuchte sich zunächst selbst in der Kauterisation, ersetzte dann diese Methode durch das Stechen von Nadeln. Dadurch erzielte er ebenfalls eine positive Wirkung, ohne jedoch bleibende Narben zu hinterlassen. Es dauerte noch drei Jahre, bis er den Zusammenhang zwischen der Wirbelsäule und ihrer umgekehrten Projektion auf die Anthelix des Ohres erkannte. In der Folgezeit entdeckte Nogier, dass alle Organe des Körpers am Ohr repräsentiert sind. Unter dem Namen „Auriculotherapie“ machte er 1956 seine Erkenntnisse zu dieser Behandlungsmethode in einem Vortrag in Marseille bekannt.

Dieser Vortrag erschien 1957 in Übersetzung. Nogier entdeckte 1968 zufällig durch Pulstastung eines von ihm am Ohr untersuchten Patienten, dass sich der Puls bei der Untersuchung der Lokalisationen, die den pathologischen Körperregionen entsprachen, veränderte. Eine systematische Erforschung dieses Phänomens zeigte, dass sich bei Reizung gestörter Ohrzonen die Pulswelle charakteristisch verändert. Diese Reaktion hielt Nogier für einen Fremdreflex und nannte sie „Réflexe auriculocardiaque“ (RAC). Dieses Phänomen löste das Problem der Detektion der relevanten Ohrpunkte. Damit war der entscheidende Durchbruch für die Entwicklung einer objektiven und sicheren Methode zur Lokalisation und damit Therapie der „pathologischen“ Ohrpunkte erzielt.

Chinesische Schule

Yeh Hsiao-Lin veröffentlichte 1958 in Shanghai Nogiers Erkenntnisse. Die Chinesen erkannten die Integrationsfähigkeit der Ohrakupunktur in die Traditionelle Chinesische Medizin. Seither wird in China die Ohrakupunktur zunehmend neben der Körperakupunktur angewendet. Zuvor waren die wenigen, seit Jahrtausenden bekannten Ohrpunkte von untergeordneter Bedeutung. Sie waren auch eher in Zusammenhangmit der Körperakupunktur zu sehen. Jetzt entwickelte sich die Ohrakupunktur jedoch zu einem eigenständigen Therapiesystem.

Nachdem Nogier 1969 und 1977 eine Übersichtskarte über Ohrpunkte veröffentlicht hatte, brachten die Chinesen in Anlehnung daran ebenfalls 1977 eine Ohrkarte an die Öffentlichkeit. Im europäischen Raum fand die Überprüfung und Weiterentwicklung der Ohrlokalisationen schneller statt als in China. Hier verharrte man länger auf den ursprünglichen Erkenntnissen, die in Europa rasch modifiziert wurden. Außerdem wurde in der chinesischen Schule die RAC-Tastung zur Punktlokalisation nicht verwendet. Aus diesen Gründen entwickelten sich divergente Angaben zu Lokalisationen gleicher Punkte am Ohr.